Friday, May 23, 2008

Wer von der Einführung der Gesundheitskarte profitiert

In Deutschland soll ab dem zweiten Quartal 2008 schrittweise die neue elektronische Gesundheitskarte eingeführt werden, die dann nach und nach die bisherigen Krankenversichertenkarten ersetzten wird. Das Ziel soll in erster Linie eine bessere Versorgungsqualität für die Versicherten sein, denn die Karte trägt maßgeblich zur besseren Kommunikation aller Beteiligten (Ärzte, Krankenkassen, Versicherte) bei. Alle diese Gruppen sind jedoch unterschiedlich von der Einführung der Karte betroffen.

Für die Ärzte bedeutet die Karte in erster Linie Mehraufwand. Die Patienten-Dokumentation erfolgt nicht mehr nur in den eigenen Patientenakten, auf die nur sie allein zugreifen können, hingegen wollen Diagnosen, notwendige Medikamente oder verordnete Heilbehandlungen direkt in die digitale Gesundheitsakte eingegeben und auf die Karte gespeichert werden. Hierzu ist natürlich zuerst die technische Ausstattung (Kartenleser, Telematik-Infrastruktur) notwendig, deren Kosten die Ärzte zunächst tragen müssen.

Gleichzeitig kann ein elektronisches Rezept über die Krankenversichertenkarte ausgestellt werden, Papierbelege würden dann entfallen. Aufgrund der unverschlüsselten Weitergabemöglichkeit der Daten sowie der Möglichkeit, diese jederzeit zu verändern, haben die Ärzte der Bundesärztekammer auf ihrem Ärztetag in Ulm diese Karte abgelehnt und fordern ein neues Konzept, welches sich besser integrieren lässt und bei dem die Patientendaten zu 100% geschützt sind.

Kein Wunder, dass es auf Seiten der Ärzte Widerstand gibt. Laut der berühmten geheim-verbreiteten Booz-Allen-Hamilton-Studie (Gesundheitstelematik.pdf) sollen die Ärzte in den nächsten Jahren mit 1,4 Milliarden Euronen am Meisten auf die Gesundheitskarte draufzahlen. Dafür kann man schon mal auf die Straße gehen. (Anm. Apotheken sollen durch die neue elektronische Gesundheitskarte auch mit etwa 700 Millionen Euro belastet werden) Da kommt noch einiges auf alle Patienten zu.

Das aber die quasi nicht vorhandene Datensicherheit als Argument ausgerechnet auf Seiten der Ärzte herhalten muss?

Aus der Antwort einer Anfrage an die Bundesregierung zum Stand der elektronischen Gesundheitskarte in Bezug auf technische und rechtliche Probleme vom März diesen Jahres wird dem Datenschutz zwar höchste Priorität mit dem Verweis auf den BSI zugeordnet, doch sieht die Realität laut Chaos Computer Club anders aus. Das Motto: Erstmal muss es irgendwie laufen, dann schauen wir mal! Datenschutz macht das ganze langsam, kompliziert und nur noch teurer.

Und wie sollen der Missbrauch und die Verschwendungen im System aufgedeckt werden, wenn es keine Möglichkeiten zur systematischen Auswertung der Daten gibt?

Da sind wir dann bei den Krankenkassen, die als Hauptgewinner dieser Umverteilung hervorgehen sollten. Da sollen die Kosten für bearbeitungsaufwändige, papierhafte Rezepte eingespart werden, für die pro Rezept derzeit zwischen 0,40-0,50 Euro kalkuliert werden. Weiterhin würde die Neuausstellung von Karten, die beispielsweise nach einer Heirat notwendig ist, unterbleiben können, denn die Daten der Gesundheitskarte könnten ja geändert werden. Auch könnten verabreichte Medikamente durch die Gesundheitskarte schneller abgeglichen werden, wodurch sich die Kassen Einsparungen durch doppelte Medikamentengabe versprechen. Teure Routine-Bilder aus Computerthomographen und Röntgengeräten könnten reduziert werden.

Zuletzt möchte natürlich auch der Hersteller und Betreiber der Infrastruktur der Gesundheitskarte, die Gematik (Gesellschaft für Telematikanwendungen der Gesundheitskarte mbH) an der Einführung verdienen. Die Gesellschafter sind hierbei zum einen die Leistungserbringer, also die Ärzte, die Apotheker sowie die Krankenhäuser und zum anderen die Kostenträger, die gesetzlichen und privaten Krankenverischerungen. Experten beziffern die Kosten für die Umstellung heute auf ca. 2 Milliarden Euro. Analysen beziffern die Kosten weitaus höher.

Für einige Patienten hingegen kann sich die neue Gesundheitskarte wirklich lohnen, denn so haben sie ihre relevanten Daten jederzeit griffbereit. Die Gabe falscher Medikamente, beispielsweise nach einem Verkehrsunfall, bei dem keine Rücksprache mit dem Hausarzt erfolgen kann, würde so ausgeschlossen. Auch könnten Patienten Fachärzte leichter aufsuchen oder wechseln, ohne dass die Unterlagen erst umständlich verschickt werden müssten. Der Facharzt muss jetzt den ganzen Kram lesen und spart künftig Zeit und Geld für unnötige Mehrfachuntersuchungen. Das könnte den Wettbewerb unter den Ärzten verschärfen und dem ein oder anderen Patienten wirklich nützen, wenn die Chemie zwischen Arzt und Patient nicht mehr stimmt und das Vertrauen nicht mehr ausreichend vorhanden ist.

Und Vertrauen ist die stärkste heilbringende Droge des Volkes

Inzwischen verbreitet sich mehr und mehr die Erkenntnis, dass das Aktivieren der Selbstheilungskräfte, wie sie beispielsweise durch die Placebo-Effekte nachgewiesen werden, ein größeres Heilungs-Potential haben, als dem ein oder anderen Pharmareferenten oder Facharzt lieb ist. Und selbst-aktiv wird man als Patient eher, wenn das Vertrauen in die Maßnahme und den behandelnden Arzt, dem man ja schließlich sein LEBEN anvertraut, gegeben ist. Wer nicht vertraut, der wehrt sich und blockiert. Sich Zeit nehmen und kümmern ist hier der Mangel, der behoben werden kann, wie einem Artikel auf http://www.forum-gesundheitspolitik.de/ zu entnehmen ist, der sich auf eine vom British Medical Journal veröffentlichte Placebo-Studie bezieht, wonach die heilenden Hände des Therapeuten (Kommunikation, soziale Unterstützung) für die kleinen Wunder verantwortlich sind. Aber nur so kuscheln, quatschen oder so was ist ja quasi nicht mehr im Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenassen und soll entweder aus eigener Tasche, über die Sozialberatung oder über private Zusatzkrankenversicherungen aus eigener Tasche finanziert werden. 

Die im Rahmen der Gesundheitsreform 2004 beschlossene Gesundheitskarte sollte allerdings bereits 2006 eingeführt werden und wird aktuell ab dem zweiten Quartal 2008 nach umfangreichen Pilotphasen und Telematikreparaturen erwartet. Ob und wann die Einführung nun tatsächlich erfolgen wird, bleibt wohl weiter ungewiss.

5/23/2008 6:50:07 PM (W. Europe Daylight Time, UTC+02:00)  #    Comments [0]Trackback
Name
E-mail

Comment (HTML not allowed)  

Enter the code shown (prevents robots):